Annas Blog

Die gute Tat

Eine Geschichte über persönliche Blödheit und Menschen, die einem unerwartet helfen.

Ein eisiger Wind herrscht an Gleis sieben, an dem wir auf unseren Zug Richtung Heimat warten. Meine Mutter und ihr Lebenspartner warten die letzten Minuten mit uns. Dann sind sie auch uns los und es kehrt nach einer Woche weihnachtlichen Trubels wieder Ruhe ein. Meine Schwestern sind bereits heute morgen abgereist.

Endlich fährt der Zug ein, er ist relativ voll, aber wir haben ja reserviert. Also auf Plätze suchen. Die sind natürlich besetzt. Zwei ältere Herrschaften, das ist immer eine unangenehme Situation … “Schönen guten Tag, es tut uns leid, dass wir sie damit behelligen müssen, aber wir haben diese beiden Plätze reserviert.” Die beiden reagieren ungläubig, zücken ihr Ticket. Sie haben ebenfalls eine Reservierung. Wir vergleichen: Sitzplatznummer – identisch, Wagennummer – stimmt auch,  Zugnummer, Uhrzeit – ebenfalls identisch. Das kann nicht sein. Gerade als ich mich über die deutsche Bahn empören will, fällt mein Blick auf das Datum. “Morgen, wir haben Tickets für morgen!” Wir reagieren gleichzeitig, versuchen wieder zur Tür zu kommen, was mit unserem Gepäck nicht so einfach ist. Ich habe die Hand bereits am Griff, als der Zug sich langsam in Bewegung setzt. Willkommen im Intercity der deutschen Bahn – ohne gültigen Fahrausweis! Ihr nächster Halt: Magdeburg.

In meinem Kopf purzeln sofort Zahlen durcheinander. Was kostet Schwarzfahren nochmal? Waren es vierzig oder sechsig Euro? Wieviel kostet die Fahrt ohne Frühbucherrabatt pro Person? So um die achtzig Euro meine ich mich zu erinnern. Grob überschlagen fürchte ich mich vor einer der teuersten Lektionen, die ich je bekommen habe. Gleichzeitig sind wir fassungslos: Wie konnte uns das passieren? Wir waren uns so sicher, dass wir heute fahren und ein Ticket extra für dieses Datum gebucht hatten!

Kopfschüttelnd suchen wir den Fahrkartenkontrolleur oder Zugbegleiter. Eine junge Frau im Nachbarabteil stempelt gerade Fahrkarten. Wir sprechen sie an. “Warten sie kurz zwischen den Abteilen,” sagt sie “dann kümmere ich mich um Sie!” Wir zeigen ihr unser Ticket, erklären, dass wir es erst im Zug bemerkt hätten und sogar wieder aussteigen wollten. “Und was hätten Sie dann gemacht?” “Naja, wir wären halt morgen gefahren!” Sie lacht, wir hoffen. “Sie wissen, dass sie jetzt kein gültiges Ticket haben?!” Das ist eigentlich keine Frage, wir nicken betreten. Sie überlegt. Schließlich sagt sie schwungvoll: “Naja, eine gute Tat habe ich für dieses Jahr noch!” Sie lacht, offensichtlich hat sie Spaß daran. Wir lachen auch – vor Erleichterung. Sie sagt uns sogar noch in welche Abteile wir uns setzen dürfen (ihr Bereich) und verschwindet dann ohne unser Ticket zu stempeln. “Besser ich habe nichts gesehen!”

Wir suchen uns die nächstbesten Plätze (ja, wir haben auch ohne Reservierung welche gefunden) und grinsen uns an wie zwei Mondkälber, können unser Glück kaum fassen.

Ich hoffe wirklich, dass die Fahrkartenkontrolleure niemals durch Maschinen ersetzt werden. Ich bezweifle, dass die gute Taten verüben können, geschweige denn zum Ende des Jahres noch eine übrig haben …

Categories: Ausflüge, Reisen und Co.

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3 Comments

  1. Jaja. wer lesen kann ist klar im Vorteil ;-)

  2. Spaß ist eben was man drauß macht ;-) So haben wenigstens wir was zum Lachen und gewinnen auch wieder Vertrauen in die Bahn und den Glauben an nette Menschen.

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