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Mein Literaturseminar – eine Reflektion über Vorurteile

Mit der Literaturwissenschaft bin ich im Verlauf meines Studiums zwar das ein oder andere mal konfrontiert worden, aber entweder handelte es sich dabei um Überblickveranstalltungen (“Literatur des Mittelalters” oder “EInführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft” d. h. alle Epochen von Barrock bis Neuzeit in ein Semester gequetscht) oder es waren Spezialseminar wie: “Gregorius von Hartmann von Aue” (auch Mittelalter, ein ganzes langes Semester lang). Ich habe also irgendwie das Gefühl von neuerer Literatur keine Ahnung zu haben (wahrscheinlich zurecht). Martin Walser und Christa Wolf kenne ich dem Namen nach, von Thomas Mann habe ich noch nie was gelesen.

Nur damit ich hier nicht falsch verstanden werde, ich mag Deutsch und unterrichte es gerne und ich lese gerne und viel, nur meistens nicht das, was man nach Meinung von Literaturwissenschaftlern lesen sollte. Mit entsprechendem Grauen habe ich mich in Vorbereitung auf dieses Semster an die Entscheidung gemacht, welches der Literaturseminare, die angeboten werden, ich wohl besuchen sollte. Letztendlich habe ich mich für eine praktikable Lösung entschieden, die nicht auf dem Thema des Seminars begründet liegt. Ausschlaggebend waren: die Zeit und die Tatsache, dass es geblockt alle zwei Wochen stattfindet. Das verschafft mir nämlich in den übrigen ersten Wochen einen freien Montag. Thema: Goethe – Leben und Werk.

Ja, ich gebs zu, ein scheußlicher Titel und bei der Literaturliste (nicht alles aber doch ettliches von Goethe, sowie seine Biographie) kann einem Himmelangst werden. Nichts desto trotz saß ich gestern in diesem Seminar in (mäßig gespannter) Erwartung, was auf mich zukommt.

Was ich dann erlebt habe, war ein Beispiel dafür, wie vorurteilsbelastet wir doch sind und wie sehr sich jeder von uns von Äußerlichkeiten beeinflussen lässt. Ein mittelgroßer, ca. 40 -50 jähriger, dicker Mann betrat den Raum. Er humpelte in die erste Reihe und breitete seinen Sachen dort aus. Er war relativ häßlich, was durch den grauen, ausgewaschenen Pullover, der sich um seinen sehr breiten Rettungsring am Bauch spannte und die schlabrige ausgewaschene Jeans noch zusätzlich betont wurde. Der ganze Kurs schien regelrecht die Luft anzuhalten und beobachtete gespannt und in ängstlicher Erwartung, was passieren würde: “Das ist doch nicht etwa der Dozent?” schwirrte es in den Köpfen der überwiegend weiblich Teilnehmer. Als er sich umdrehte und laut sagte: “So dann können wir wohl anfangen…” sah er wahrscheinlich in ungläubige Gesichter und auf denen geschrieben stand: “Das kann ja heiter werden!”

Und wieder erwarten wurde es heiter. Die Einführung zu Goethe und die Begründung, warum er besagtes Thema ausgewählt hat, war super. Vor allem als er auch noch anfing sich über andere Seminare lustig zu machen. So hatte auch ich mich schon gefragt, welchen Sinn es haben soll, ein Semster lang alle möglichen bekannten Texte nur auf die Gender-Problematik hin zu untersuchen. Oder über Seminare in denen ein ganzes Semster ein Text auseinander genommen wird, deren Ergebniss er dann so beschrieb: “der Text sagt eigentlich gar nicht, aber das ohne es zu wollen” und alle haben herzlich gelacht. Als er dann noch in einer Anekdote zum Besten gab, warum er humpelt war das gesamte Publikum begeistert. Er war in ein Erdloch gefallen bei einer hochphilosophischen Diskussion darüber, in welcher Beziehung der Ring bei Wagner (“Der Niebelungenring”) zu der Rolle des Geldes in Karl Marx “Das Kapital” stehe, dafür erntete er zunächst ungläubige Gesichter und erneute Lacher als er sich darüber aufregte, wie unverantwortlich es sei, auf einem Gelände, wo Menschen über wichtige wissenschaftliche Themen diskutieren und keine Zeit hätten den Untergrund zu betrachten, einfach Erdlöcher offen zu lassen.

Ich denke es wird ein gutes Seminar, wenn auch ein anstrengesdes, denn bis zum nächsten Termin müssen wir schon die ersten beiden Texte gelesen haben (Werther und Götz von Berlichingen) und außerdem ist meine Gruppe (Lena und ich) mit unserem Referat schon in vier Wochen dran (Thema: Sensualismus und das Theater der Gefühle im Kontext von Goethes Rolle am Hof von Weimar. Text: Stella). Aber ich denke es wird ein gutes Seminar, wenn es so weitergeht wie es angefangen hat.

Und nicht zuletzt hat es mir mal wieder gezeigt, wie sehr wir Menschen über ihr Äußeres beurteilen. Der Typ hätte auf einer Parkbank mit ner Bierflasche sitzen können, dasss hätte mich nicht überrascht. Überrascht dagegen hat mich wie und was er uns gestern vermittelt hat. Fazit: Sich seiner Vorurteile bewusst werden und versuchen sie dadurch unschädlich zu machen. Weil vorurteilsfrei ist niemand von uns. (Passenderweise gab es zu dem Thema einen Artikel in der neuen Zeit Wissen, den ich heute morgen zum Frühstück gelesen habe.)

Categories: Unialltag

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1 Comment

  1. Juchu ich habe bei meinem Morgenkaffee wieder was zu lesen ;-)
    Schön das der Start so gut ging. Das mit den Vorurteilen kann ich nur bestätigen. Als ich mal eher zu einer Schulung kam dachte ich auch, was macht der Hausmeister im Schulungsraum. Es war der Referent und zwar der für Rechtsgrundlagen. Die Schulung war super und sehr praxisnah.

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